Geschichten, die nur Hundetrainer erleben

In über zwanzig Jahren als Hundetrainer habe ich unzählige Hunde kennengelernt – liebevolle Chaoten, kleine Genies, hoffnungslose Dickköpfe und echte Goldschätze. Doch mindestens genauso spannend wie die Hunde sind oft die Menschen am anderen Ende der Leine. Manche Situationen gehören zum Alltag: Da wird der Hund passend zur Wohnzimmereinrichtung ausgesucht, obwohl sein Temperament so gar nicht zum Lebensstil seiner Menschen passt. Der sportliche Wirbelwind landet bei Bewegungsmuffeln, der sensible Hund bei Menschen mit der Geduld einer Eintagsfliege – und wenn es schwierig wird, soll plötzlich der Hund das Problem sein. Doch manchmal passieren Dinge, die kann man sich wirklich nicht ausdenken. Oder vielleicht doch? Nein, definitiv nicht. Die folgenden Geschichten sind tatsächlich genau so passiert. Natürlich habe ich alle Namen geändert.

Bild mit KI generiert. Als Vorlage diente ein Foto von Stephanie Fürniß (Inhaber/Trainer Hundeschule Bello Fantastico) und ihrem Hund.
Bild mit KI generiert. Als Vorlage diente ein Foto von Stephanie Fürniß (Inhaber/Trainer Hundeschule Bello Fantastico) und ihrem Hund.

Poppy und das Kopfkissen für hinterher

Poppy war ein blonder Labrador und ein echter Goldschatz. Freundlich zu jedem Menschen, verträglich mit jedem Hund und einfach ein rundum liebenswerter Kerl. Als seine neuen Besitzer ihn mit etwa eineinhalb Jahren übernahmen, war er völlig abgemagert und etwas lethargisch. Zum Glück änderte sich das schnell. Mit gutem Futter, liebevoller Pflege und viel Beschäftigung blühte Poppy innerhalb kurzer Zeit richtig auf. Zu mir kamen seine Menschen zunächst wegen eines ganz klassischen Problems: der Leinenführigkeit. Daran arbeiteten wir erfolgreich. Von Woche zu Woche wurde Poppy entspannter und aufmerksamer. Nur ein Thema machte uns das Leben schwer: intakte Hündinnen. Und zwar völlig unabhängig davon, ob sie gerade läufig waren, kurz davorstanden oder längst wieder aus der Läufigkeit heraus waren. Sobald Poppy auch nur den Hauch einer (noch) interessanten Duftspur in die Nase bekam, war sein Gehirn praktisch offline. Dann gab es nur noch ein Ziel: loslaufen. Egal wohin. Egal wie weit. Mehr als einmal mussten seine Besitzer ihn deshalb als vermisst melden. Also trainierten wir intensiv den Rückruf – das volle Programm, mit Schleppleine im Dauerbetrieb. Parallel erklärte ich seinen Menschen mehrfach, dass ich ihnen eine Kastration empfehlen würde – zunächst chemisch, um beurteilen zu können, welchen Einfluss die Hormone auf sein Verhalten hatten. Doch das lehnten sie jedes Mal kategorisch ab. Bis zu jenem Tag.
Wir waren mit einer Wandergruppe unterwegs und ich lief zufällig direkt hinter Poppy und seinen Besitzern. Sie unterhielten sich mit einem anderen Teilnehmer und erzählten voller Stolz: „Wir haben Poppy ein eigenes Kopfkissen gekauft. Nach jedem Spaziergang darf er sich darauf austoben und ordentlich rammeln. Danach ist er immer total zufrieden.“ Ich blieb innerlich wie erstarrt stehen. Vor meinem geistigen Auge liefen Bilder ab, auf die ich liebend gern verzichtet hätte. Und gleichzeitig fiel endlich der Groschen. Das also war der Grund. Monatelang hatten wir daran gearbeitet, dass Poppy lernt, mit seiner hormonellen Erregung besser umzugehen. Währenddessen durfte er zu Hause Tag für Tag genau dieses Verhalten weiter ausleben. Mit einem Kopfkissen. Kein Wunder also, dass unser Training in diesem Punkt kaum vorankam. Ich gebe zu: In diesem Moment musste ich mich wirklich zusammenreißen. Nicht wegen Poppy. Sondern wegen seiner Menschen. Nach der Wanderung nahm ich mir die beiden noch einmal in Ruhe zur Seite. Ich erklärte ihnen, warum dieses Kopfkissen unser gesamtes Training immer wieder ausbremste und weshalb ich ihnen die chemische Kastration bereits mehrfach empfohlen hatte. Dieses Mal hörten sie zu. Zunächst entschieden sie sich für einen Kastrationschip. Später folgte die chirurgische Kastration. Erst danach starteten wir das Training noch einmal neu. Und plötzlich machte Poppy genau die Fortschritte, die wir uns vorher monatelang vergeblich erträumt hatten. Natürlich wäre die Kastration allein niemals die Lösung gewesen. Das eigentliche Training musste Poppy trotzdem leisten. Aber zum ersten Mal war er überhaupt in der Lage, sich darauf einzulassen.
Bis heute bin ich überzeugt, dass wir noch deutlich schneller und weiter ans Ziel gekommen wären, wenn seine Menschen von Anfang an ehrlich erzählt hätten, was zu Hause wirklich passierte. Vielleicht hatten sie geahnt, was ich ihnen sagen würde. Schließlich arbeiteten wir schon eine ganze Weile zusammen. Poppy war regelmäßig in unseren Spielstunden, auf Hundewanderungen, Mehrtageswanderungen und beim Agility dabei. Seitdem frage ich bei bestimmten Verhaltensproblemen übrigens noch genauer nach als früher. Denn die eigentliche Ursache liegt manchmal dort, wo niemand sie vermutet. Zum Beispiel auf einem Kopfkissen;)

Poppy mit einer seiner vielen Freundinnen
Poppy mit einer seiner vielen Freundinnen

Chucky, der eigentlich eine Hündin war – und die Sache mit der verschwundenen Brustwarze

Wer jetzt noch nicht sitzt, sollte das vorm Weiterlesen besser nachholen. Denn diese Geschichte gehört zu den Erlebnissen, bei denen ich mich bis heute frage, ob ich sie wirklich selbst erlebt habe.

Eines Tages rief mich Frau Hausmann an. Eine ausgesprochen herzliche Rentnerin, Mutter, inzwischen auch Oma und seit kurzem stolze Hundemama eines fünf Monate alten Terrier-Mischlings namens Chucky. Wie sie selbst lachend sagte: „Das letzte Kind hat eben Fell.“ Sie wollte mit Chucky unsere Spielstunden besuchen. Ein paar Tage später war es so weit. Als Frau Hausmann den Hundeplatz betrat, wartete ich bereits mit einer Stammkundin und ihrer Dackelmischlings-Hündin. Frau Hausmann trug Chucky liebevoll auf dem Rücken liegend in ihren Armen. Eigentlich völlig unnötig – aber man merkte sofort, wie sehr sie ihren kleinen Vierbeiner liebte. Mein Blick fiel automatisch auf Chucky, genauer gesagt auf den Bauchbereich. Und plötzlich zweifelte ich an meinem eigenen Verstand. Am Telefon hatte Frau Hausmann mehrfach betont, Chucky sei ein Rüde. Vor mir lag jedoch eindeutig ... eine Hündin. Ich überlegte kurz, ob ich überhaupt etwas sagen sollte. Vielleicht hatte ich mich ja tatsächlich geirrt. Also fragte ich vorsichtig: „Sie hatten doch erzählt, Chucky ist ein Rüde?“ Frau Hausmann schaute mich überrascht an. „Natürlich. Das hat uns sogar der Tierarzt beim Impfen gesagt.“ Nun gut, das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass der Tierarzt das gesagt hatte! Also erklärte ich ihr die anatomischen Unterschiede zwischen Rüde und Hündin und zog dabei sogar Vergleiche zum Menschen. Während für Frau Hausmann gerade eine kleine Welt zusammenbrach, war ich einfach nur erleichtert. Offenbar war ich doch noch nicht verrückt geworden. Trotz dieses etwas ungewöhnlichen Starts entwickelten sich Chucky und ihre Besitzerin gut. Zwar hätte ich einer älteren Dame vermutlich eher einen etwas ruhigeren Hund empfohlen, doch die beiden wuchsen mit jeder Woche enger zusammen. Chucky liebte unsere Spielstunden, tobte begeistert mit den anderen Hunden und lernte nach und nach, in deren Nähe auch Ruhe zu bewahren. Ich freute mich jedes Mal, wenn die beiden auf den Hundeplatz kamen.
Und dann blieben sie plötzlich weg. Eine Woche. Zwei Wochen. Dann drang mir zu Ohren, Chucky sei auf meinem Hundeplatz verletzt worden. Also griff ich zum Telefon. „Frau Hausmann, ist alles in Ordnung? Ich habe Sie und Chucky schon vermisst.“ Ihre Antwort traf mich völlig unvorbereitet. „Nein. Wir kommen nicht mehr. Chucky wurde bei Ihnen auf dem Hundeplatz eine Brustwarze abgebissen.“ Ich war sprachlos. Mein erster Gedanke war: Das darf doch nicht wahr sein. Mein zweiter: Wie um alles in der Welt soll das passiert sein? Natürlich machte ich mir sofort Vorwürfe. Hatte ich tatsächlich etwas übersehen? Doch je länger ich darüber nachdachte, desto unlogischer erschien mir die Geschichte. Eine komplett abgebissene Brustwarze hätte stark geblutet. Chucky hätte Schmerzen gehabt. So etwas wäre weder mir noch den anderen Teilnehmern entgangen. Also bat ich Frau Hausmann, mir die Verletzung zu zeigen. Noch am selben Tag trafen wir uns erneut auf dem Hundeplatz. Ich gebe zu: Ich war ziemlich nervös. Was, wenn es wirklich stimmte? Frau Hausmann hob Chucky hoch und zeigte auf die angeblich fehlende Brustwarze. Ich schaute hin. Noch einmal. Dann musste ich tief durchatmen. Die verschwundene Brustwarze war ... eine Zecke, mit einem ordentlichen Grind darum. Mehr nicht. Keine Verletzung. Keine Hundeattacke. Keine abgebissene Brustwarze. Nur eine Zecke. Ich erklärte Frau Hausmann den Irrtum, empfahl ihr, die Zecke beim Tierarzt entfernen zu lassen, und machte ihr gleichzeitig unmissverständlich klar, dass ich es für völlig inakzeptabel halte, solche Behauptungen über meine Hundeschule zu verbreiten, ohne den Sachverhalt vorher überhaupt zu klären. Damit war die Sache für mich erledigt und Frau Hausmann ebenfalls. Lucky ging es hervorragend. Ein paar Mal begegnete ich den beiden später noch zufällig beim Spazierengehen. Eine weitere Zusammenarbeit lehnte ich allerdings ab. Mein Vertrauen in Frau Hausmann war durch diese Geschichte komplett verloren.
Wenn ich heute auf meine gesamte Hundetrainerzeit zurückblicke, gehört Chucky definitiv zu den Hunden, die ich niemals vergessen werde. Nicht, weil sie schwierig gewesen wäre. Sondern weil sie erst ein Rüde sein sollte ... und später angeblich auch noch eine Brustwarze verlor. Dabei war sie von Anfang an einfach nur eine Hündin. Verrückt.

Bild KI generiert. Frau hält Hund im Arm.
Bild KI generiert. Frau hält Hund im Arm.

Der Hotelmanager, Hunde im Bett und eine Tüte voller Ärger

Man sollte meinen, dass Hundetrainer im Urlaub endlich einmal entspannen können. Kann man. Zumindest theoretisch. Vor einigen Jahren veranstalteten wir eine Hundereise in ein wunderschönes Sporthotel in Oberbayern. Für das Hotel war das Neuland. Wir waren die erste Reisegruppe, die mit mehreren Hunden anreiste – und vermutlich auch die letzte. Vor unserer Anreise führte der Hotelmanager mit mir ein ausführliches persönliches Gespräch. Es gab genau eine Regel, die ihm besonders wichtig war: „Die Hunde dürfen auf keinen Fall in den Betten schlafen.“ „Kein Problem“, versprach ich. Ich gab diese Bitte als Voraussetzung an alle Teilnehmer weiter und jeder bestätigte mir schriftlich, dass das selbstverständlich sei. Am Anreisetag trafen wir nach und nach zwischen 20:00 Uhr und 21.00 Uhr im Hotel ein. Kaum hatte jeder sein Zimmer bezogen, hörte ich draußen plötzlich aufgeregtes Hundegebell. Ein Blick von meiner Terrasse genügte. Poppy, der Labrador, jagte gemeinsam mit einer Golden-Retriever-Hündin quer über das Hotelgelände. Natürlich nicht nur an meiner Terrasse vorbei, sondern auch an allen anderen. Noch bevor ich überhaupt reagieren konnte, schallte es aus einem Zimmer im ersten Stock: „Mein Gott zur Hölle, ist jetzt endlich mal Ruhe?“ Manchmal höre ich diese Stimme noch heute. Während irgendwo jemand verzweifelt „Poooppy! Poooppy!“ rief, sausten die beiden Hunde fröhlich ihre Runden. Zum Glück ließ sich Poppy diesmal recht schnell abrufen. Die Golden-Retriever-Hündin ebenfalls. Ich atmete tief durch. Na also, dachte ich. Der Urlaub kann beginnen. Wie naiv ich doch war.
Später saßen wir noch kurz im Restaurant zusammen und beschlossen, den Abend mit einem kleinen Spaziergang ausklingen zu lassen. Schon nach wenigen Minuten fiel mir auf, dass überall Schilder standen: „Hier ist kein Hundeklo.“ Außerdem herrschte im gesamten Ort Leinenpflicht. Das interessierte allerdings nicht jeden. Zwei Teilnehmer ließen ihre Hunde trotzdem frei durch die hohen Wiesen rennen. Ich bat sie freundlich, die Hunde anzuleinen. Die Antwort kam prompt: „Ach, stell dich doch nicht so an.“ Keine zwei Minuten später blieb einer der Hunde mitten in der Wiese stehen. Ihr könnt euch denken, was dann passierte. Das Frauchen drehte sich zu mir um und fragte allen Ernstes: „Meinst du wirklich, ich muss das jetzt wegmachen?“ Ich zählte innerlich bis zehn. Äußerlich lächelte ich. „Ja.“ Mehr sagte ich nicht. Widerwillig marschierte sie los und kam wenig später mit einem prall gefüllten Kotbeutel zurück. In diesem Moment war ich ehrlich froh, dass es inzwischen dunkel geworden war und ich mich für den Abend verabschieden konnte. Ich hoffte einfach auf einen besseren nächsten Tag. Am nächsten Morgen erwartete mich zunächst ein hervorragendes Frühstück. Kurz darauf bat mich der Hotelmanager zu einem Gespräch. Sein Gesichtsausdruck verriet bereits, dass es kein gemütlicher Plausch werden würde. Kaum hatte ich Platz genommen, ging es los. Drei Teilnehmer hatten ihre Hunde trotz unserer klaren Absprache im Bett schlafen lassen. Und zwar nicht nur ein bisschen. Überall Hundehaare und Pfotenabdrücke auf der Bettwäsche. Der Hotelmanager war entsprechend wenig begeistert. Und ehrlich gesagt: Ich konnte ihn verstehen. Am schlimmsten war allerdings nicht seine Reaktion, sondern die der betroffenen Teilnehmer. Keine Entschuldigung. Keine Einsicht. Stattdessen hörte ich Sätze wie: „So schlimm ist das doch gar nicht. Das kann man doch waschen.“ Doch. War es. Nicht, weil Hunde im Bett grundsätzlich schlimm wären. Viele meiner eigenen Hunde haben ebenfalls schon auf dem Sofa oder im Bett gelegen – allerdings in meinem eigenen. Aber wenn ich einem Hotelier mein Wort gebe, dann halte ich mich daran. Punkt. Spätestens in diesem Moment wurde mir wieder bewusst, dass Hundetraining oft viel weniger mit Hunden zu tun hat, als viele glauben. Die Hunde hatten an diesem Wochenende einfach nur Hundedinge getan. Sie waren gerannt, hatten geschnüffelt und im Bett geschlafen, wenn man sie ließ. Die eigentliche Herausforderung hing – wie so oft – am anderen Ende der Leine. Als wir abreisten, verabschiedete sich der Hotelmanager freundlich. Zumindest äußerlich. Ob dort jemals wieder eine Hundereisegruppe willkommen war? Diese Frage kann wahrscheinlich jeder für sich selbst beantworten. 

Als Hundewandergruppe unterwegs zu sein, macht Spaß, solange sich alle an die Regeln halten.
Als Hundewandergruppe unterwegs zu sein, macht Spaß, solange sich alle an die Regeln halten.

So, das reicht für heute

Wenn ihr jetzt denkt: „Das kann sich doch kein Mensch ausdenken!“, dann glaubt mir: Genau das habe ich in all diesen Situationen auch gedacht. Und dabei waren das längst nicht alle Geschichten. In meiner Hundetrainer-Zeit haben sich noch so einige kuriose, skurrile und manchmal auch haarsträubende Erlebnisse angesammelt. Gerne erzähle ich euch beim nächsten Mal noch mehr davon. Langweilig wird es als Hundetrainer jedenfalls nie.

 

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